28. Januar 2016

Hans-Jochen Vogel: Es gilt das gesprochene Wort

Hans-Jochen Vogel: Es gilt das gesprochene Wort

Hans-Jochen Vogel ist eine Ausnahmegestalt der deutschen Politik. In seinem Buch „Es gilt das gesprochene Wort“ blickt er auf ein erfülltes politisches Leben zurück. Politikverdrossenheit kommt darin nicht vor. Auf Einladung des Verlags Herder und des BayernForums der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutierte er am 27. Januar 2016 im Münchner Künstlerhaus mit dem ehemaligen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Vorsitzenden der Münchner SPD Claudia Tausend. Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Franziska Augstein.

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Verleger Manuel Herder
(c): Helmut Seisenberger


Kurz vor seinem 90. Geburtstag befeuert Hans-Jochen Vogel die „lebendige Demokratie“, wie er es immer getan hat. Er legt Rechenschaft ab und setzt sich mit dem auseinander, was er in seinen offiziellen Funktionen gesagt und getan hat. Auch bei der Buchpräsentation kommt er zu dem Fazit: Das gesprochene Wort von damals gilt im Wesentlichen auch heute noch.

Seine Argumentation für den Ausstieg aus der Kernenergie bleibt überzeugend und in der Diskussion auf dem Podium weist er wieder auf die Gefahr hin, die von Atomwaffen ausgeht. Die Ost- und Deutschlandpolitik Willy Brandts und Helmut Schmidts verteidigt er wie damals und seine Positionen zur Lage im Nahen Osten helfen noch heute weiter.

Auch die Defizite, die er damals identifiziert hat, bestehen noch: der Verlust an sozialer Gerechtigkeit, die Wohnungsnot und die fortschreitende Belastung und Bedrohung unserer Umwelt. Mit Blick auf die Fragen der aktuellen Fluchtthematik sieht er einen mindestens zweiseitigen Solidaritätsbegriff als maßgeblich an: Einerseits selbst Solidarität zu erfahren und sich andererseits zugleich solidarisch zu zeigen präge seit langem die Erfolgsgeschichten von gutem Zusammenleben der Menschen in Deutschland. Gleiches müsse aber im größeren Rahmen auch für den Umgang zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gelten.

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(c): Helmut Seisenberger


Am kommenden Mittwoch, den 3. Februar, wird der ehemalige Oberbürgermeister von München 90 Jahre alt. Die Liste seiner Ämter ist lang: Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundesminister für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau, Bundesminister für Justiz und SPD-Vorsitzender. Er holte die Olympischen Spiele nach Deutschland, behielt in den schwierigen Zeiten des RAF-Terrors einen kühlen Kopf und gab als Oppositionsführer im Bundestag Helmut Kohl Contra.

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(c): Helmut Seisenberger


Dabei hat ihn immer ein klarer Wertekompass geleitet, dessen Koordinaten sich nicht zuletzt aus den traumatischen Erlebnissen der Kriegs- und Nachkriegsjahre ergaben. Darauf nimmt auch Helmut Schmidt, Weggefährte von Hans-Jochen Vogel, im Geleitwort des Buches Bezug: „In unserem politischen Leben verbindet uns beide die Auffassung von Augenmaß und Pflicht im Dienst für unser Volk und das öffentliche Wohl“.

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v.r.n.l.: Hans-Jochen Vogel, Franziska Augstein, Wolfgang Thierse, Claudia Tausend
(c): Helmut Seisenberger


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